
Bei "
Eyes of Crystal" handelt es sich um einen ganz besonderen Thriller: Um einen "Giallo", eine Art italienischen Kunstkrimi. Die ersten Giallos (wie zum Beispiel "Blutige Seide" von Mario Bava) sind Ende der sechziger Jahre unter Einfluss der deutschen Edgar-Wallace-Filme entstanden (die letzten farbigen Filme der Wallace-Serie wie "Das Geheimnis der grünen Stecknadel" waren bereits italienische Produktionen).
Seine Blütezeit erlebte der Giallo eindeutig in den Siebzigern. Unter Einfluss von Dario Argentos Meisterwerk "Profondo Rosso" entstanden viele hervorragende Giallos ("Der Tod trägt schwarzes Leder", "Der Killer von Wien") nicht nur in Italien, sondern auch in einigen anderen europäischen Länder und einige sogar in den USA ("Die Augen der Laura Mars"). In den Achtzigern gab es noch einige herausragende Filme dieses speziellen Genres ("Phenomena"), in den Neunzigern eigentlich nur noch Rohrkrepierer wie "Fatal Frames". Viele Meisterwerke verrotteten als VHS auf den Flohmärkten (von "The Perfume of the Lady in Black" oder "Die Falle" gibt es bis heute keine deutsche DVD und von dem Kinofilm (!) "Vier Fliegen auf grauem Samt" gilt die deutsche Tonspur sogar als verschollen). Erst Anfang dieses Jahrzehnt schien endlich wieder ein wenig frischer Wind (z.B. "Sleepless") in das Genre zu kommen, das endlich mit "
Eyes of Crystal" wieder neues Blut erhält!
Was kennzeichnet denn den typischen Giallo? Ein Merkmal ragt besonders heraus: Die Optik. Der Giallo ist grundsätzlich optisch extrem durchgestylt, Morde beispielsweise werden oft sehr ästhetisch inszeniert und in der Regel von einem geistig gestörten Serientäter auf meistens recht exotische Art und Weise an gut aussehenden Frauen verübt. Nicht umsonst gelten einige Exemplare dieser Gattung als gewaltverherrlichend bzw. werden von Kritikern oft auch verächtlich als "Deko-Schocker" oder Vorläufer von Slasherfilmen à la "Freitag der 13." bezeichnet. Die Überbetonung des Optischen geht einher mit einer starken Betonung des Bizarren, dass heißt in der Regel ist es gar nicht wichtig wer warum etwas getan hat, sondern wie es getan wurde. Dem entsprechend leiden die meisten Giallos auch unter erheblichen Logiklöchern und oft unter Längen in der Handlung, denn Actionszenen sind dem Giallo bis auf wenige Ausnahmen ("Feuerstoss") komplett fremd.
Interessanterweise finden sich typische optische Stilelemente des Giallos (stark ausgeprägte Farbgebungen, Zooms) inzwischen auch in aktuellen Filmen wieder, auch wenn diese nicht unbedingt aus dem Krimibereich kommen (z.B. "
DOOM 
", "Bones", einige Folgen von "C.S.I.").

Und was zeichnet nun "
Eyes of Crystal" aus? In erster Linie finden sich auf jeden Fall alle Elemente des Giallos wieder: Von einem perversen Serienmörder begangene Morde (diesmal auch an Männer) und eine starke optische Inszenierung. Diese reicht zwar nicht ganz an die Klassiker des Genres heran, ist aber um ein Vielfaches besser als zum Beispiel bei dem letzten größeren Film von Dario Argento (der wahrlich nicht so gelungene "The Card Player"). Was besonders ins Auge sticht: Die immer wiederkehrende Symbolik des Glasauges in allen Varianten - passend zum Filmtitel.
Gleichzeitig gibt es auf der Negativseite auch wieder die typischen Längen und so einige fast schon ärgerliche Logiklöcher. Die Handlung selbst erinnert stellenweise an Psychopathen-Thriller wie beispielsweise "Das Schweigen der Lämmer". Der (tricktechnisch gut umgesetzte) Blut- und Ekelgehalt ist zwar nicht unerheblich, aber im Vergleich zu anderen aktuellen Schockern wie "SAW II" oder "Hostel" dann doch eher zurückhaltend. Dafür ist an vielen Stellen für reichlich Spannung gesorgt und ansprechende nackte Tatsachen gibt es auch zu bewundern (ist ja schließlich 'ne italienische Produktion ;-).
Auf der schauspielerischen Seite gibt es nix zu meckern, einzig der Mörder bleibt ausgerechnet ein wenig blass, aber seine Identität wird eh erst zum Schluss gelüftet.
Die DVD von Concorde präsentiert sich technisch sehr gut, vor allem der DTS-Sound kann reichlich zur Gruselatmosphäre beitragen.

Insgesamt ist mit "
Eyes of Crystal" (übrigens das Erstlingswerk des Regisseurs Eros Puglielli) auf jeden Fall endlich wieder ein gelungener Giallo inszeniert worden. Wer sich generell für Thriller begeistert und sich nicht an den genretypischen Schwächen stört, sollte auf jeden Fall auch einen Blick riskieren. Bleibt nur zu hoffen, dass "Eyes of Crystal" nicht ein letztes Zucken war, sondern für eine gelungene Wiederbelebung des italienischen Giallos sorgt!
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