Review (DVD): A Serious Man
USA, in den 60ern: Der jüdische Mathematik-Professor Larry Gopnik hat scheinbar ein glückliches Leben in einer kleinen, überwiegend jüdischen Gemeinde in mittleren Westen der USA. Das eigene Haus in der Vorstadt muss zwar noch abbezahlt werden, aber die Chancen auf eine Beförderung stehen nicht schlecht. Doch nach und nach bricht die Idylle immer mehr in sich zusammen...
Seine Frau will sich, für ihn völlig unerwarten, von ihm scheiden lassen, er soll zukünftig in einem Hotel leben, seine Tochter klaut Geld von ihm, sein Sohn kifft und hat Schulden bei seinem Dealer, sein psychisch labiler Bruder hat sich in seinem Haus eingenistet und nervt seine Mitmenschen, sein Nachbar entpuppt sich als brutale Dumpfbacke und in der Uni trudeln plötzlich anonyme Briefe mit obskuren Anschuldigungen gegen ihn ein. Larry versucht Hilfe von einem Rabbiner zu kommen, doch alles scheint immer schlimmer zu werden...
Mit "A Serious Man" beweisen Ethan und Joel Coen wieder einmal, dass sie gängige Hollywoodkonventionen erfolgreich ignorieren und trotzdem beeindruckende (Unterhaltungs-) Filme kreieren können. Auch wenn "A Serious Man" als Mischung aus verschrobenen Heimatfilm und zynisch-tragischer Komödie über Sinn und Moral daher kommt - im Prinzip ähnelt das Leitmotiv dem des Coen-Brüder-Films ""No Country for Old Men"": Der zunehmende Verfall von Sitten und Gebräuche in der alltäglichen Umgebung seines Protagonistens und seine Hilflosigkeit, dagegen in irgendeiner Form etwas zu unternehmen.
Larry, als Mathematiker ein "Serious Man" - also ein Mann der Vernunft, entdeckt mit Entsetzen und Ungläubigkeit dass es Veränderungen gibt, gegen die sein rationales Denken nichts auswirken kann. Bei der Hoffnung auf Stützen wie der Glauben muss er feststellen, dass diese auch nichts ausrichten können - das Unglück Larrys ist letztendlich auch das Unglück der Gesellschaft, deren Verfall auch in der scheinbar heilen Vorortsiedlung einsetzt.
So können ihm beispielsweise sowohl sein Anwalt als auch Vertreter des Glaubens nicht wirklich helfen, während sein Sohn die Rituale der eigenen Religion sogar nur noch unter Drogenkonsum über sich ergehen lässt. Selbst Larrys klägliche Versuch aus seinem Schicksal irgendwie auszubrechen (Avancen der sexy Nachbarin schafft er nicht zu nutzen, allenfalls der gemeinsame Drogenkonsum gelingt) und wenn er dies in seinen Träumen versucht, enden diese immer in einer totalen Katastrophe.
Und die Katastrophe bannt sich auch im Leben Larrys an, der letztendlich nichts anderes als eine Metapher für die us-amerikanische Gesellschaft der 60er Jahre ist, die in die soziale und moralische Katastrophe schlittert und doch nichts dagegen unternehmen kann, da sie dieses Unheil nicht fassen und nicht verstehen kann. Der weise Rabbi, der Larrys Sohn sein Taschenradio zurückgibt, glaubt dass er ihm damit die Freude an der Musik wiedergibt - nicht ahnend, dass dieser das Radio nur unbedingt zurückhaben will, um an das in der Radiotasche befindliche Geld für seinen Dealer zu kommen.
Am Eindringlichsten dann die Schlußszene: Der ältere geistliche Lehrer versucht seine Schüler vor einer plötzlichen Unwetterkatastrophen in Sicherheit zu bringen - doch diese starren nur gebannt und betäubt in den düsteren Abgrund des herannahenden Hurricans, ohne auf irgend jemanden noch zu hören - möglicherweise verstehen die, die da gerettet werden sollen, gar nicht mehr die herannahende Katastrophe...
Allein schon visuell eine beeindruckender Abschluss, und die Kraft der Bilder ist auch die Stärke des Films. Perfekt durchkomponierte Szenen mit außergewöhnlichen Blickwinkeln und beeindruckenden Einstellungen sorgen immer wieder für Begeisterung beim Zuschauer. Leider - und das ist das große Manko bei "A Serious Man" verliert sich der Film jedoch immer wieder in seiner Bildpracht und vergisst, dass ein Film auch einen erzählerischen Fluss besitzen sollte.
Stark die Leistung der eher unbekannteren Darstellerinnen und Darsteller bis in die Nebenrollen. Eindrucksvoll vor allem natürlich Michael Stuhlbarg als bemitleidenswerter Larry in der Hauptrolle. Aber auch Schauspielerinnen wie Amy Landecker als scheinbar leicht nymphomanische Nachbarin Mrs. Samsky oder Fred Melamed als widerlich Schein-hilfsbereiter Nebenbuhler Sy Ableman bleiben einem mit ihrer Schauspielkunst noch lange in Gedächnis.
Die technische Seite der "A Serious Man"-DVD überzeugt. Die von universum film veröffentlichte Disc bietet nette Extras, ein sehr gutes Bild, ansprechenden Klang und sogar ein Wendecover.
Fazit: "A Serious Man" bietet eine beeindruckende Story und eine tolle Kameraführung, leidet aber ein wenig an seiner eigenen Trägheit - selbst wenn der Film vielleicht nicht die Klasse eines "Big Lebowski" oder "Fargo" hat, läßt er den Totalausfall "Ladykillers" erfolgreich vergessen und wirkt fast wie eine Synthese von "Burn after Reading" (in Sachen Humor) und "No Country for Old Men" (von der Moral) her - Fans der beiden Ausnahmebrüder werden wieder begeistert sein, Freunde anspruchsvoller Filme sollten unbedingt einen Blick riskieren.